Das Projekt »Heimat Moderne« stellt die Frage, welche Bedeutung das architektonische, aber auch das gesellschaftliche und kulturelle Erbe der Moderne für die Identität der Stadt heute noch hat. Vielerorts sind die funktionalistischen Bauten der Nachkriegsmoderne zu einer Störstelle im Stadtbild geworden. Gleichzeitig zeichnet sich nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und heftiger Kritik an der Moderne derzeit bei Künstlern aus verschiedenen Disziplinen wieder ein starkes Interesse an der Moderne ab. Angesichts globaler und lokaler Probleme taucht erneut das Bedürfnis nach gesellschaftlichen Handeln – jenseits des autoritären Gestus der Moderne, aber auch jenseits postmoderner Abgeklärtheit auf.

Vor diesem Hintergrund setzen sich im Projekt »Heimat Moderne« in über 70 Veranstaltungen rund 140 beteiligte Künstler, Musiker, Filmemacher, Regisseure, Publizisten, Stadtplaner, Architekten und Wissenschaftler, darunter der italienische Komponist Valerio Sannicandro, die bildenden Künstler Via Lewandowsky und Sean Snyder, der Theaterautor Soeren Voima, die Klangkünstler Erwin Stache und Francisco Lopez, die Theaterregisseure und -performer Rimini Protokoll u.v.a. mit dem Erbe der Moderne und unterschiedlichen Aspekten seiner Aktualität auseinander.

Die Kulturstiftung des Bundes fördert mit »Heimat Moderne« eine neue gemeinsame Initiative verschiedener Leipziger Institutionen und Gruppen – Galerie für Zeitgenössische Kunst, Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig, Büro für urbane Projekte, General Panel und raum4 – die künstlerische, publizistische und städtebauliche Ansätze für ein neues Verständnis von Stadtkultur nutzen wollen.

Das Programm von »Heimat Moderne« umfasst Ausstellungen, musikalische und theatrale Aufführungen, Hörspiele, Stadtführungen, Filmreihen und Diskussionen und manifestiert sich im urbanen Kontext Leipzigs, an Orten, die exemplarisch für eine Auseinandersetzung mit dem Erbe der Moderne stehen. Verteilt über einen Zeitraum von sieben Monaten, vom 5. März 2005 bis 11. September 2005, wird »Heimat Moderne« an drei verschiedenen Orten der Leipziger Innenstadt realisiert: das Musikviertel (März-April), der Augustusplatz (Mai-Juli) sowie der das Areal Brühl/Robotron (Juli-September).

Es erscheint ein Katalog zu »Heimat Moderne«, der als ein work-in-progress publiziert wird. Zwischen März und August 2005 erscheinen zwei ca. 60 Seiten umfassende Hefte, die die einzelnen Orte des Projekts »Heimat Moderne« in Text und Bild vorstellen, die jeweilige Bau- und Nutzungsgeschichte der Stadträume zeigen und so in die Thematik des Projekts einführen. Darüber hinaus enthalten diese Hefte Interviews und Beiträge über einzelne Teilprojekte von »Heimat Moderne«. Der komplette Katalog (Umfang ca. 400 Seiten) wird im Februar 2006 erscheinen und neben Aufsätzen und Interviews eine umfangreiche Dokumentation der Ausstellungen, Aufführungen und Diskussionen des Projektes enthalten.

Publikationen »Heimat Moderne«




Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und heftiger Kritik an der Moderne zeichnet sich wieder ein starkes Interesse an der Moderne bei Künstler-Innen aus verschiedenen Disziplinen, aus Musik, Theater, bildender Kunst, Architektur und Stadtplanung ab. Das mag zunächst wie eine paradoxe Sehnsucht nach einer Vergangenheit erscheinen, die ihrerseits Vergangenes vehement ablehnte, als eine rückwärts gewandte Haltung, eine Retrobewegung. Möglicherweise aber bedeutet diese Form der Sehnsucht »weniger eine Sehnsucht nach einer unwiederbringlichen Vergangeheit, als ein Verlangen nach den Fantasien und Wünschen, die einst möglich waren«, wie Jonathan Bach in »The Taste Remains: Consumption, (N)ostalgia and the Production of East Germany« schreibt. Gesellschaftliche Perspektiven zu denken, auch wenn es sich zunächst um Fantasien und Wünsche handelt, erscheint heute, weil ein allgemein gültiger gesellschaftlicher Konsens innerhalb politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Diskurse so schwierig geworden ist, drängender denn je. Angesichts globaler und lokaler Probleme taucht erneut das Bedürfnis nach einem überindividuellen, gesellschaftlichen Handeln – jenseits des autoritären Gestus der Moderne, aber auch jenseits postmoderner Abgeklärtheit – nach einem utopischen Funken auf, »der es wert ist, bewahrt zu werden« (Slavoj Žižek).

Das Projekt »Heimat Moderne« wird von fünf Leipziger Gruppen und Institutionen aus den Bereichen Bildende Kunst (Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig), Theater (raum4), Musik (Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig e. V.), Film, Architektur und Stadtplanung (Büro für urbane Projekte, General Panel), die sich zum Verein Experimentale e. V. zusammengeschlossen haben, gemeinsam konzipiert und veranstaltet. Im Zeitraum von März bis September 2005 werden sich diese Gruppen und Institutionen in einer Reihe von Ausstellungen, musikalischen und theatralen Aufführungen, Diskussionen und Publikationen mit dem Erbe der Moderne und unterschiedlichen Aspekten seiner Aktualität auseinander setzen. In diesem Zusammenhang soll auch danach gefragt werden, ob und wie man Heimat und Moderne zusammen denken kann, hatte doch Ernst Bloch Moderne noch mit »Unzuhause« und »erlebter Entfremdung« assoziiert, mit dem Verlust von Heim, Behagen und Heimat. Nacheinander werden drei verschiedene Standorte der Leipziger Innenstadt vorgestellt: im März und April 2005 das Musikviertel, von Mai bis Juli der Augustusplatz und von August bis September die Wohnhochhäuser am Brühl sowie das ehemalige Robotron-Gebäude. Diese drei Orte stehen beispielhaft für eine Auseinandersetzung mit dem städtebaulichen und architektonischen Erbe der sozialistischen Moderne.




Musikviertel


Das Musikviertel, das im März und April die erste Station für »Heimat Moderne« sein wird, ist ebenso stark geprägt von repräsentativen Gründerzeitbauten und prunkvollen Stadtvillen wie von den lang gestreckten 11-geschossigen Wohnscheiben und einzeln stehenden Punkthochhäusern. In besonderer Weise zeichnen sich hier die Dynamiken ab, mit der sich städtische Strukturen in der Moderne verändert haben. Das Viertel wurde nach 1880 als jüngster, unmittelbar an die Innenstadt grenzender Stadtteil innerhalb von wenigen Jahren errichtet. Im zweiten Weltkrieg erlebte es drei schwere Luftangriffe, bei denen ca. die Hälfte der Gebäude zerstört oder schwer beschädigt wurden. Die Neubebauung der Kriegsbrachen erfolgte in industrieller Plattenbauweise.

Um genügend Baufreiheit für die Taktstraßen zu schaffen, mussten weitere Bürgerhäuser weichen. Durch die Platte, die die alte, nicht zerstörte Gründerzeitbebauung von der Höhe her im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten stellte, wurde das Musikviertel wieder zu einem innerstädtischen Wohngebiet. War der noble Stadtteil Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem eine Gegend für Wohlhabende, so sollten in den 70er Jahren ganz unterschiedliche Gesellschaftsschichten dort einziehen. Durch die Hochhäuser, die in ihrer Maßstäblichkeit mit den Größenverhältnissen ihrer Umgebung radikal gebrochen haben, wirkt das Musikviertel heute für viele der Bewohner optisch stark zerteilt. Zwar stehen die Wohnscheiben im hohen Maße für eine der Grundideen des modernen Städtebaus – für soziale Integration. Trotzdem werden die Blöcke oft selbst von denjenigen, die in ihnen wohnen, als ästhetisch unpassend für das Viertel empfunden.
Der Gegensatz zwischen Vertrautem und radikal Neuem und die Frage, was Utopie – im Sinne eines: Was wäre denkbar? – in der Gegenwart sein könnte, bilden die Klammer der verschiedenen Veranstaltungen von »Heimat Moderne« in diesem Stadtviertel. So spielt ein Science-Fiction-Hörspiel, das man auf der Straße hören kann, mit den scharfen Zeitbrüchen und Spannungen in der städtebaulichen Struktur des Viertels. Die Galerie für Zeitgenössische Kunst, die seit 1998 im Musikviertel zu Hause ist, zeigt in ihrem Neubau u. a. eine Ausstellung mit Arbeiten von Via Lewandowsky, der anhand von scheinbar alltäglichen Situationen die Gegensätzlichkeit der Begriffe Heimat und Utopie untersucht. Das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig macht den Raum »Musikviertel« mit 111 Radfahrern auf musikalisch sportive Weise erfahrbar und reflektiert u. a. mit einem Luigi Nono Porträt-Konzert den Begriff »Moderne« vor einem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Das Theaterstück »schöner scheitern« thematisiert die vorherrschende Angst vor dem Misslingen, die häufig in einen absoluten Stillstand mündet. Denn gegen die Furcht, sich einen anderen Zustand als den gewohnten überhaupt vorzustellen, hilft als Ausweg nur die (bewusste) Abweichung, die Akzeptanz von Fehlern als produktiver Faktor oder: das schöne Scheitern.



Augustusplatz


Der Augustusplatz ist von Mai bis Juli die zweite Station von »Heimat Moderne«. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte er sich zum Forum städtischer Öffentlichkeit. Gesäumt von bedeutenden Institutionen wie Oper, Universität, Gewandhaus, Hauptpost und überspannt von Straßenbahnen und Hauptstraßen bildet er einen Knotenpunkt, der zwischen dem Zentrum und der Peripherie der Vorstädte vermittelt. Seine architektonische Gestalt wurde im 20. Jahrhundert immer wieder überschrieben: ein Prozess, der mit dem Bau des Bankhauses Kroch in den 20er Jahren begann. Die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs entstandenen Neubauten der am Platz versammelten Insititutionen reproduzierten ihre historisch angelegten Funktionen; so behielt der Augustusplatz seine gewachsene kulturelle Bedeutung und erlebbare Identität. Das Opernhaus aus den späten 50er Jahren markiert den Übergang von einer konservativen Baugestaltung zum Zeitgeist der internationalen Architekturentwicklung, zu der man mit der Hauptpost um 1965 Anschluss fand. Der Universitätsneubau blieb bis in die Gegenwart vom Trauma der Zerstörung der Paulinerkirche belastet. Immer wieder eigneten sich divergierende Interessengruppen die Platzfläche an, errichteten ephemere Bauten und veranstalteten Ausstellungen, Demonstrationen oder Konzerte. Bis heute formiert sich der Protest der LeipzigerInnen auf dem Augustusplatz, der so seine Forumsfunktion stets erneuert. »Heimat Moderne« möchte diese handlungsräumliche Tradition für Projekte und Veranstaltungen nutzen, die nach den Restrukturierungen dieses Ortes, nach Vergangenheit und Gegenwart von Protest in Leipzig und nach den Möglichkeiten gemeinschaftlicher Aneignung des öffentlichen Raums fragen.



Brühl


Der Brühl, die eigentliche Keimzelle Leipzigs, ist ein Ort, an dem auch der Identitätsverlust der Stadt eine gewisse Tradition hat. Das am Brühl gelegene Geburtshaus Richard Wagners wurde 1886 abgerissen, das Wohnhaus Hieronymus Lotters im Zweiten Weltkrieg zerstört. Vom Pelzhandel, der Leipzig einst neben der Verlagsindustrie und der Messe international bekannt gemacht hatte, und seinen Bauten am Brühl ist nichts geblieben. Heute sind der Brühl und das angrenzende nördliche Ringareal von Gebäuden der sozialistischen Moderne bestimmt, deren ursprüngliche sozial- und wirtschaftspolitische Inhalte abhanden gekommen sind. In den späten 60er Jahren errichtete man am westlichen Brühl drei Wohnscheiben, die die Utopie des »sozialistischen« Wohnens mustergültig vorführen sollten. Die mehrsprachige Leuchtschrift »Willkommen in Leipzig« auf einem der Dächer entwickelte sich schnell zum bekannten Sinnbild. Nur wenige Jahre später entstand in Sichtweite das ROBOTRON-Gebäude, mit dem die »Zukunftstechnologie« der Mikroelektronik im Stadtzentrum angesiedelt wurde. In den 80er Jahren bauten japanische Unternehmer das Hotel Merkur, das in der späten DDR Sehnsüchte nach Weltläufigkeit weckte. Inzwischen stehen mit dem ROBOTRON und der Brühlbebauung zwei zentrale Gebäude dieses Areals zur Disposition. »Heimat Moderne« möchte sich an diesen Orten einmischen und mit einer Reihe von Veranstaltungen dem Begriff der »Heimat« und dem Entstehen lokaler Identitäten in Stadträumen nachgehen.


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